Yogis wehren sich nicht?

Yoga-Leute sind weichgespült, voller Liebe, verzeihen immer alles, müssen immer nett sein und wehren sich nicht

Na, bist du neu in der Yogaszene oder mit Wollwaschmittel gewaschen?
Scherz beiseite, wenn du das hier liest, bist du entweder selbst schon einmal mit diesem „Vorurteil“ konfrontiert worden oder du bist schon Yoga-Leuten begegnet, die sehr weichgespült daher kommen, mit sanfter Stimme, die von den Energien spricht, die man schweben sieht, genauso schwebender Gang, und immer, wirklich immer übertrieben lächelnd und friedlich. Meist ist es eine Rolle, in die die Person geschlüpft ist, um eine bestimmte Außenwirkung zu erzielen. Vielleicht praktizierst du auch selbst Yoga und bist nicht sicher, wie du dich yoga-like in bestimmten Situationen verhalten sollst, die unangenehm sind.

Es gibt die echten Yogis, die tatsächlich in sich ruhen, nichts schwafeln müssen, sondern ganz normal ihr weltliches Dasein leben, scheinbar unberührt von all den Widrigkeiten dieser Welt. Diese wirklichen Yogis sind einfach sie selbst. Sie handeln, wirken und sind authentisch und echt. Es gibt nichts Aufgesetztes, sie müssen niemandem etwas beweisen, in keine Rolle schlüpfen. Sie sind in ihrer eigenen tiefsten Persönlichkeit angekommen, und leben im Einklang mit den ethischen Grundlagen der Yogarichtung, in der sie sich zu Hause fühlen, und im Einklang mit ihrem wahren Selbst. Man trifft sie extrem selten.

Extrem häufig trifft man aber als Yogapraktizierende:r und Yogalehrende:r auf die Vorstellungen von Leuten, wie man denn nun zu sein hat als Yoga-Mensch. Im Sinne:
Ach, du machst Yoga! Boah, ich hab gehört, da musst du immer gewaltlos sein und immer allen vergeben. Dann kann man ja mit Euch machen, was man will. Wenn ihr verletzt werdet, müsst ihr demjenigen ja verzeihen und dürft euch nicht wehren. Und – oh Schreck – tatsächlich glauben sogar nicht wenige Yogapraktizierende und Yogalehrende, es müsste so sein, und trauen sich nicht, auf Angriffe/Übergriffe zu reagieren. Das mag noch andere Ursachen haben, aber eine davon ist oft ihre Rolle, in der sie sich sehen. Es stellt sich die Frage: was tun? Darf man sich wehren? Wenn ja wie, wenn es gewaltlos sein soll. Damit sind sie nicht allein.

Was also ist der Schlüssel? Wie können wir trotz allem ymGlueck sein?

Eine der 3 grundlegenden Emotionen im Yoga ist der Ärger (Wut, Hass), der entsteht, wenn wir etwas ablehnen. (Für alle, die noch den Uli Stein Pinguin kennen, der das DAGEGEN Schild hoch hält: genau so eine Situation ist gemeint.) Wir lehnen es erst einmal ab, wenn der Bus nicht kommt, das Wetter nicht unseren Wünschen entspricht, der Partner wieder einmal nicht das tut, was man sich erhofft hat, das Lieblingsrestaurant geschlossen ist, ….. die Liste ist ja endlos. Was würde bei dir Abneigung auslösen?

Aus dieser Abneigung wird dann oft Ärger. Wir schimpfen über die Zustände, die Menschen, die uns geärgert haben – nein – über die WIR uns ärgern. Wenn es noch schlimmer wird, entwickeln wir den Wunsch, zurück zu ärgern oder uns zu rächen, werden in Gedanken, mit Worten oder Taten aggressiv. Danach fühlen wir uns befreit. Erst einmal. YmGlueck sind wir aber nicht, und so kommen wir auch nicht dahin.

Der Yoga-Mensch denkt langfristig und weiß, dass ein spontanes Dampfablassen nicht langfristig hilft. Das Leben ist ein Marathon und nach Yogaphilosophie haben wir so viele Marathons vor uns, bis wir die wahre Natur unseres Daseins erkennen und „erleuchten“. Deshalb praktizieren wir Techniken, die es uns ermöglichen, nicht in die Wut/Ärger-Reaktion zu gehen, weil es uns auf Dauer nicht nur nicht hilft, sondern sogar heftig schadet: Körper und Geist, Immunsystem, innerer Frieden, die Ausgeglichenheit usw. sind beeinträchtigt oder ganz futsch, wenn wir ausrasten. Was aber, wenn wir wirklich auf der Straße, im Job oder in der eigenen Familie, im eigenen Freundeskreis böse attackiert werden? Wenn der innere Frieden von außen massiv gestört wird?

Dürfen wir die Täter:innen dann verfolgen, ggf. stellen, festhalten, Vorfälle einer geeigneten Stelle melden, vielleicht sogar Anzeige erstatten? Oder schlüpfen wir um einen vermeintlichen Yoga-Anschein zu wahren in ein „Ach-nicht-so schlimm-ich-vergebe-dir“-Gewand und tun so, als ob wir alles tolerieren und einfach von der Bildfläche wischen? Kann das zu wirklichem Frieden führen? Nach außen hin ist er vorgetäuscht und innerlich entsteht ein Konflikt zwischen aufwallenden Emotionen und Vermutungen darüber, wie yogische Ethik gelebt wird. Was ist der richtige Weg?

Dazu gibt uns die berühmte Geschichte in der Bhagavad Gita einen Anhaltspunkt. Der Held, Arjuna, ist auf dem Schlachtfeld. Er ist kurz davor zu kämpfen, aber eigentlich will er das nicht, weil er gewaltlos gemäß der Yoga-Ethik handeln will. Es gibt aber keine gewaltlose Möglichkeit mehr, den Konflikt zu beenden. Und Arjuna ist der Prinz, der eigentlich das Königreich gegen diese wirklich schlimmen Bösewichte verteidigen muss. Wenn er kämpft, verstößt er gegen die yogischen Regeln der Gewaltlosigkeit, wenn er nicht kämpft, verstößt er gegen seine ethische Berufspflicht, das Königreich gegen Feinde zu verteidigen und Menschenleben im Königreich zu schützen. Wenn er gewaltlos handelt, dem Feind vergibt und geht, wird er innerliches Leid erfahren, weil er das Königreich nicht beschützt hat. Wenn er nicht vergibt und kämpft, wird Leid in der Welt verursacht.

Also ist er im Zwiespalt und fragt den Gott Krishna, was er tun soll. Während des Dialoges wird so einiges zwischen den beiden besprochen, aber am Ende weiß Arjuna, was er tut: Er klärt seine eigenen Emotionen und wird nach den ethischen Richtlinien seines weltlichen Dharmas handeln.

Als Yoga-Mensch sieht man in diesem Moment, in dem Arjuna sich befindet, 2 Ebenen: eine persönliche, innere, und eine externe, weltliche. Es gilt, die beiden voneinander zu unterscheiden. Deshalb praktizieren wir regelmäßig Techniken, um nicht in die Strudel von Ablehnung, Abneigung, Ärger, Hass und Gewalt gezogen zu werden, und um innerlich nicht von dieser Emotion überwältigt zu werden und vor lauter loderndem Feuer und Rauch nicht mehr klar im Geist bleiben zu können. Wir reinigen auf dieser ersten Ebene unseren eigenen Geist von unseren negativen Emotionen, um innerlich klar zu sein. Danach gilt es, auf der zweiten Ebene zu entscheiden, was denn nun passieren soll. Aber wir entscheiden jetzt eben ohne den inneren Groll, klar. Wir sagen dazu „sattvisch“. Arjuna vergibt dem Feind (zumal darunter auch Verwandte sind), wird aber dann entsprechend den ethisch weltlichen Richtlinien das tun, was am wenigsten Menschenleben fordert, und er bekämpft den Feind auf dem Schlachtfeld.

Wenn uns also im Alltag Schmerz zugefügt wird, egal ob seelischer, emotionaler oder körperlicher, klären wir mit den Techniken aus unserer Yoga-Toolbox unsere Emotion des Ärgers und sind dann in der Lage, mit klarem Geist zu entscheiden, wie wir uns ethisch korrekt verhalten, bzw. ob und wie wir ggf. die Täter:innen zur Rechenschaft ziehen, um zu verhindern, dass noch mehr Leid durch sie entsteht.

Fazit: Yoga Leute sind…

…weichgespült: nein
…voll innerer Liebe: immer mehr
…verzeihen immer alles: sollten sie für ihr inneres Wohlbefinden und innere Klarheit üben
…müssen immer nett sein: eher möglichst gewaltlos und mit echtem Mitgefühl
…und wehren sich nicht: kommt auf die Situation an

Der interessanteste Aspekt bei diesem Thema ist aber eines meiner Lieblingsfachgebiete. Ich habe ja nicht nur Pädagogik und Psychologie, sondern auch Anglistik (also Englische Sprachwissenschaft) studiert. Und viele Yoga-Begriffe aus dem Sanskrit wurden ins Englische übersetzt, ohne sich der feinen Unterschiede in der Bedeutung des Wortes klar zu werden. So meint „Vergeben“ in den alten vedischen Schriften lediglich die innere Haltung. Wird „Vergeben“ aber ins Englische übersetzt, ist mit „forgiveness“ dann nicht mehr nur der innere Prozess, sondern auch das nach außen hin Handeln gemeint. So entstehen einige Mißverständnisse und kursieren falsche oder unvollständige Informationen in der Yogawelt.

Hast Du Lust, die Yoga-Toolbox gegen Ärger kennen zu lernen und öfter ymGlueck zu sein? Dann komm gerne vorbei und wir schauen, was Dich weiterbringt.

Ich lade dich herzlich ein, hier direkt einen persönlichen oder auch einen online-Termin zu vereinbaren oder Dich vorab bei mir zu melden (hier kommst Du zu meinen Kontaktinfos).

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